Die Abenddämmerung zog herauf über Arakamandu, der kleinen Siedlung am Fluss. Der Himmel war einen Stich zu rot, um von der irdischen Sonne angehaucht zu sein. Nachdenklich ließ Duncan Rotwolf seine Blicke schweifen. Die unbefestigten Trampelpfade zwischen den provisorischen Unterkünften leerten sich auffällig schnell. Angst ging um auf Nerdu VII, wie der Planet in den offiziellen Sternenkatalogen hieß. Anat, nach der altsyrischen Göttin des Krieges, nannten ihn die Unglücklichen, die sich entschlossen hatten, hier eine neue Heimat zu finden. Ein durchaus treffender Name für diese grausame Welt, die keine Gnade kannte.

In den Werbeaufrufen der Kolonisierungsbehörde war von den tödlichen Gefahren, die hier drohten, nie die Rede gewesen. Ein Paradies, der urtümlichen Erde sehr ähnlich, versprachen die Beamten. Die Holographieprospekte, die man den Interessenten präsentierte, zeigten eine bezaubernde Landschaft mit Wiesen, Wäldern und Seen. Viel Platz für Landwirtschaft. Dazu kamen reiche Rohstoffvorkommen. So war es kein Wunder, dass die Leute Schlange standen, die einen Neuanfang wagen wollten. Fern der überfüllten Ursprungswelt der Menschen, deren natürliche Lebensräume längst gigantischen Matanodritgebäuden gewichen waren. Die ganze Oberfläche ein einziges Bauwerk. Stinkend und hässlich. Bar jeden Rohstoffes. Angewiesen auf einen endlosen Zustrom von Versorgungsgütern aus den zahlreichen Kolonien, die überall gegründet wurden, wo menschliches Leben möglich war. Man verlangte ein Vermögen von den Siedlern für die Reise zu ihrem Zielplaneten. Sie durften fast nichts an persönlichen Sachen mitnehmen. Der Frachtraum ansonsten bis obenhin voll gestopft mit Dingen die für einen Neuanfang benötigt wurden. Personen- und Lastkapseln wurden an verschiedenen, vorbestimmten Punkten abgeworfen, bevor der große Kolonisationsraumer weiterreiste.

Von dem Zeitpunkt an, an dem er im Hyperraum verschwand, blieben die ausgesetzten Leute auf sich allein gestellt und begriffen, wohin man sie wirklich entsandt hatte. Das angeblich zartgrüne Gras entpuppte sich als violette scharfkantige Pflanzenart, hochgiftig und ätzend. Die riesigen, rötlichen Bäume waren auf eine Art lebendig, die man sich nicht vorstellen mochte. Schon kurz nach der Landung, kaum aus den Abwurfcontainern geklettert, schlangen sich die Tentakel der Gewächse um die Neuankömmlinge in ihrer unmittelbaren Nähe. Kreischend landeten sie in den Trichtern, die sich überall an den Stämmen bildeten. Niemand entkam. Der trübe See in ihrer Nachbarschaft verschoss Dornen, sobald sich ein Unvorsichtiger in seine Reichweite wagte. Für die Betroffenen, die betäubt oder tot zu Boden gingen, hatten sie nichts tun können, jeder der es versuchte wurde selbst zum Opfer. Hilflos sahen sie zu, wie die wasserähnliche Substanz auf die erlegte Beute zufloss, sie mit sich nahm und verschlang. Zweiundzwanzig Tode in so kurzer Zeit. Nicht auszudenken was ihnen noch drohte. 

„Du machst jetzt besser die Tür zu, Duncan“, empfahl Doktor Harriman Schwarzauge. Seine Stimme hatte ein dunkles Timbre. „Die anderen murren schon, weil du uns alle einem Risiko aussetzt.“
„Wir können uns nicht auf ewig verkriechen. Ob wir wollen oder nicht, Anat ist nun unser Zuhause. Wie müssen lernen hier zu überleben, das Beste draus zu machen. Dazu gehört auch herauszufinden, was unsere Leute in blutige Fetzen zerriss.“ Er drehte sich um, sah dem schlanken Arzt in die Augen.
Der nickte, schob sich an Duncan vorbei und drückte die schwere Tür des Containers zu. Bis die eigentlichen Wohnhäuser gewachsen waren, aus den dafür mitgenommen genmanipulierten Korallenbäumchen, würde noch einige Zeit vergehen. Wichtiger für die Wachstumsmanipulatoren, die über ein Implantat die Wesen in die richtigen Bahnen lenkten, waren momentan die lebenswichtigen Gebäude wie Nahrungsgewinnung, Krankenstation und Verteidigung. Solange mussten die Siedler in den zehn Personentransportkapseln, die zu Arakamandu gehörten, ihr eingeengtes Leben fristen.
„Ich stimme dir zu, zumindest bis zu einem gewissen Grad. Allerdings denke ich, das wir dringend Kontakt zur Kolonisierungsbehörde benötigen. Sie müssen erfahren was hier los ist. Das kann nur ein Fehler sein, uns hier abzusetzen. Vielleicht ein Problem mit den Erkundungssonden, in der Auswertung oder was auch immer.“
„Pah“, dröhnte es aus dem Gemeinschaftsbereich, an den sich die winzigen Schlafabteile anschlossen. „Kapier es endlich Doc. Die haben uns reingelegt. Sie ködern ein paar Dummköpfe mit hübschen Versprechungen nach Land und die Erlaubnis Kinder zu zeugen, wie wir wollen, ohne ein Vermögen dafür bezahlen zu müssen. Schon existiert eine besiedelte Welt mehr, die den Moloch Erde mit allem versorgt, was er braucht.“ Trukan Bitterzorn kam herbeigeschlendert. Ausnahmsweise ohne das tandusotische Kauband auf dem er normalerweise herumkatschte, wenn er sich die Zeit vertreiben wollte.
„Meinst du wirklich, Trukan?“ Arante Eupin klang verunsichert. „Das würden sie uns doch nicht antun?“ Die zierliche Blondine starrte ihn mit großen Augen an.
„Kindchen“, erwiderte er. „Wo lebst du denn? Jeder Fresser weniger auf der Erde ist ein Segen. Glaubst du wirklich sie nehmen da Rücksicht auf deine individuellen Bedürfnisse? Zehn Städte mit fünfhundert Leuten gilt es auf einer neuen Kolonie zu füllen, mehr zählt nicht. Und es gibt da draußen im All nun einmal nicht besonders viele Planeten, die unserem Idealtyp entgegenkommen. Luft, Schwerkraft, Temperaturen und andere Werte müssen passen, um überhaupt für menschliches Leben geeignet zu sein. Da kannst du nicht auch noch erwarten, dass die Evolution rein zufällig in Terraähnlichen Bahnen abgelaufen ist.“ Er schüttelte den Kopf. 
„Wenn dir das so klar war Trukan, warum bist du dann hierher gekommen?“, erkundigte sich der Doktor.
Er zuckte die Schultern. „Ein Ort ist so gut wie jeder andere. Und eine Fremdwelt ist allemal besser als die überfüllte Erde. Ich musste fünf Jahre warten, bis ich an die Reihe kam, an einem Besiedlungsprojekt teilzunehmen. Jedes Mal die Hoffnung, dass ein neu entdeckter Planet geeignet ist. Dann die Enttäuschung. Immer die Gefahr zu alt zu werden für die Kolonisation. Oder, dass meine Qualifikation gerade nicht gebraucht wird. Jetzt bin ich hier. Es hätte gemütlicher sein können, schätze ich, aber anderseits auch viel schlimmer.“
„Ganz meine Meinung“, stimmte Duncan zu. „Dies ist jetzt unser Planet. Akzeptieren wir es.“
„Dennoch frage ich mich, wieso Larson Bärentatze keinen Kontakt zur Heimatwelt herstellen kann oder den anderen Orten auf Nerdu VII. Wenigstens die müsste er erreichen können“, kam Doktor Schwarzauge auf sein derzeitiges Lieblingsthema zurück.
„Hast du bei der Untersuchung denn nichts gefunden? Vielleicht liegt es am Symbiontengift?“, gab Arante zu bedenken.
„Nein, alles normal. Er ist lediglich unfruchtbar, wie die meisten Symbokommunikatoren, aber ansonsten kann ich keine Auswirkung des Partnerlebewesens auf seinen Organismus feststellen.“
„Es muss ein Umwelteinfluss sein. Irgendetwas, dass die Verbindung verhindert“, sagte Trukan überzeugt. „Ich…“ Seine Ausführung wurde durch ein schepperndes Geräusch an der Einstiegsluke unterbrochen. Etwas warf sich von außen dagegen, beulte sie ein. Die zweiundvierzig Menschen im Gemeinschaftsraum drängten sich dicht zusammen. Ein paar der Männer zogen ihre Laserpistolen, legten auf den Eingangsbereich an, durch den die Kreatur brechen musste, wenn sie zu ihnen wollte. Bislang hatte sie oder vielleicht auch mehrere ihrer Art allerdings nur im Freien zugeschlagen. In den neun Tagen, die sie jetzt hier waren, schon siebzehn Mal. Seit zwei Nächten wagte sich niemand mehr nach draußen. Offenbar hatte die Bestie nun beschlossen, zu ihnen zu gelangen.

„Das Vieh kann doch wohl nicht hier rein, oder?“, fragte Marie Sturmadler nervös. Soweit Duncan wusste war sie Agrarexpertin, eine hübsche noch dazu. Wie die Meisten hier war sie Single. Paare durften sich zwar auch bei der Kolonisierungsbehörde anmelden, aber ihre Wünsche nach einem gleichen Zielplaneten konnten nicht immer beachtet werden. Wurde der Beruf eines der beiden Partner gerade nicht gebraucht, musste er zurückbleiben. Jeder kannte das Risiko, wenn er den Kontrakt unterschrieb, auch die Folgen, falls man sich weigern sollte, den Vertrag nicht zu erfüllen. Er ballte die Faust. So zwang man Menschen auch, sich nicht fortzupflanzen. Schon allein, weil nur Siedler im zeugungsfähigen Alter mit durften. Die einzige Ausnahme bildeten die Symbokommunikatoren, sie waren notwendig für die Kontaktaufnahme über diese enormen Entfernungen bis zur Heimatwelt. Kein technisches Gerät schaffte dies bislang.
„Nein“, sagte er gerade in dem Moment, als die Tür gegen die Wand geschmettert wurde.
„Sperrfeuer“, überbrüllte Trukan die panikerfüllten Schreie der anderen. Ein paar Beherzte befolgten die Anweisung, feuerten ihre Waffen ab. Die roten Strahlen rasten dem Eingang entgegen. Sie gingen ins Leere. Die Kreatur ließ sich nicht sehen. Nach und nach stellten sie ihre Schüsse ein, weiterhin kampfbereit bleibend.
„Wo bleibt es?“, flüsterte Arante.
„Vielleicht Angst bekommen?“, schlug Marie ebenso leise vor.  
„Still!“, herrschte Trukan die beiden Frauen an. Er legte den Kopf schräg, als wollte er lauschen. „Gebt mir mal Feuerschutz“, sagte er. Fast geräuschlos schlich er an der Wand entlang.
Duncan folgte ihm, die Laserpistole im Anschlag. Bevor er sie benutzen konnte, krachte das Wesen durch die Wand hinter ihm, erwischte den Arm des Doktors und riss ihn aus dem Schultergelenk. Blutige Fetzen hingen von den gewaltigen Reißzähnen der bärengroßen Kreatur. Duncan fuhr herum, eröffnete das Feuer. Die Laserstrahlen prallten wirkungslos am gepanzerten Leib der Bestie ab, stoppten sie nicht einen Augenblick, als sie über weitere Siedler herfiel. Die wenigen Unversehren stürzten zur Tür, überrannten ihn, versuchten alle gleichzeitig die schmale Öffnung zu passieren. Das Wesen war über ihnen, bevor auch nur einer entfliehen konnte. Duncan sah der Bestie nach, als sie sich entfernte. Kurze Zeit später verrieten Schreie, dass die Kreatur nun die übrigen Container erreicht hatte. Irgendwann verstummten sie. Er blieb liegen, zu entsetzt sich zu regen.

Das Morgenlicht fiel bereits durch den Eingang, als ein Brummen hörbar wurde. Seltsam vertraut, Erinnerungen aus seiner Militärzeit stiegen in ihm auf, an die Landung der Phantomwarhammer, der schwer bewaffneten Transporteinheiten der Infanterie. Kommandos erklangen. Er riss sich zusammen, zwang sich vorwärts zu kriechen, vermied es über das blutige Geschmiere nachzudenken, welches er mit jeder Bewegung berührte. Endlich erreichte er den Containereinstieg. Duncan keuchte auf. Die Kreatur lag blinzelnd in der Sonne. Ihr breiter Brustkorb, mit Geweberesten bedeckt hob und senkte sich. Die scharfkantigen Knochenspornen ihres Schwanzes waren eng angelegt. Mehrere Marineinfanteristen rauchten neben ihr. Ein hochrangiger Offizier musterte sie.

„Test erfolgreich abgeschlossen“, sagte er. Er bemerkte Duncan. „Da hat unser Reißer wohl jemanden vergessen“, stellte er gleichgültig fest, hob sein Lasersturmgewehr und feuerte auf den letzten Siedler des Waffentestgeländes Nerdu VII.