Wie
eine glühende Scheibe stand die Sonne am Horizont, färbte den Himmel in
einen roten, verzauberten Hauch. Eine Baumsilhouette hob sich dunkel
davon ab. Ausladend die breite Krone, die Äste dicht besetzt von Vögeln.
Noch schliefen sie mit ihren Köpfen im aufgeplusterten Gefieder.
Ansonsten meilenweit nur eine flache Grasebene. Huftiere zogen über das
Land, begannen zu grasen mit dem erwachenden Morgen. Zebras, Gazellen,
Antilopen und viele mehr. Tausende. Harmonie schien zwischen ihnen zu
herrschen, ein trügerischer Augenblick der Ruhe, der zerbrach, sobald
die Herden in Panik davon hetzten, verfolgt von Hyänen, Geparden und
weiteren Räubern. Den rastlosen Jägern der Serengeti. Auch sie wollten
überleben. Während an einer Stelle ein unvorsichtiges Tier sein Leben
aushauchte, erblickten andernorts Jungtiere das Licht der Welt. Geburt
und Tod lagen oft dicht nebeneinander.
Auch die Gnus konnten
sich diesen Gesetzen der Natur nicht entziehen. Unruhig lief eine noch
sehr junge Kuh hin und her, schüttelte die üppige, dunkle Mähne, fegte
mit ihrem schwarzen Schweif die Fliegen beiseite. Schmerzwellen rasten
durch ihren Leib. Instinktiv entfernte sie sich ein kleines Stück von
der Herde. Es konnte nicht mehr lange dauern. Nervös musterte sie die
Gegend, hielt nach Gefahr Ausschau. Ruhelos legte sie sich hin, sprang
wieder auf. Qualvoll ertönte ihr einsames Muhen in der grenzenlosen
Weite der Serengeti.
Erneut verspürte sie den Drang, sich
niederzuwerfen. Staubfontänen umwehten sie. Schleimige Nässe unter ihrem
Schwanz, verriet ihr, dass es endlich soweit war. Sie kam zitternd auf
die Beine, fühlte wie Vorderbeine und Kopf des Kalbes aus ihrem Leib
heraus glitten. Langsam folgten Körper, Schwanz, Hinterläufe, bis das
Jungtier in die Tiefe fiel. Ein hoher Sturz, der schnell tödlich enden
konnte.
Besorgt drehte sie sich zu dem Jungen um, senkte ihre
Nüstern, nahm die leichten Atemzüge des neugeborenen Gnus wahr.
Sorgfältig, aber so schnell wie möglich, begann sie die Nachgeburt zu
fressen, die das Kalb schützend umgab. Jeden Moment konnte eines der
zahlreichen Raubtiere der Savanne das frische Blut wittern. Fest ließ
sie die Zunge über das helle, rötlichbraune Fell des Kalbes wandern,
massierte es, um den Kreislauf anzuregen.
Ihr Kopf schnellte in
die Höhe, als das heisere Brüllen eines Löwen in der Ferne zu hören war.
Keine Bedrohung. Vorerst. Sie schnupperte an dem kleinen Bullen, prägte
sich seinen Geruch ein, ermunterte ihn mit sanften Stubsern, sich zu
erheben.
Unbeholfen streckte er die langen Stelzen von sich, kam
wackelig auf die Beine, kippte sofort wieder um. Ungeduldig scharte das
Weibchen mit den Hufen, jeder Moment, den sie länger hier verweilten,
erhöhte das Risiko. Nur die Gruppe bot Schutz. Das Kalb versuchte es
erneut, stand ein paar Augenblicke da und taumelte unsicher auf die
Hinterbeine der Mutter zu. Zielsicher fand sein suchendes Maul die
Zitzen des prallgefüllten Euters, begann gierig zu saugen. Schon bald
würde es bei Gefahr fliehen können.
Die Kuh drängte es, zur Herde
zurückzukehren, mischte sich mit dem Jungbullen zwischen die übrigen
Tiere, von denen einige schon gekalbt hatten, während anderen die Geburt
noch bevorstand. Hungrig fraß sie ein paar Grasbüschel, ohne in ihrer
Wachsamkeit nachzulassen.
In den nächsten Wochen vergrößerte
sich die Herde, auch wenn es nicht alle Kälber schafften. Genickbruch,
von Löwen gerissen oder einfach zu schwach für ein Bestehen in dieser
Welt. Der Tod hatte viele Gesichter. Die Überlebenden legten allmählich
an Gewicht zu.
Die Bullenherden ließen immer öfter
herausfordernde ge-nuu-Rufe erklingen, einzelne Männchen lösten sich aus
den Verbänden, posierten voreinander, stießen mit ihren nach innen
gebogenen Hörnern nach den Konkurrenten. Nicht überall gab der scheinbar
Schwächere nach, Kämpfe tobten. Nur die Stärksten und Erfahrensten
eroberten ein Gebiet für sich.
Die Herde des Muttertieres zog
von einem Revier zum anderen, auf der Suche nach dem besten Weidegrund,
als das Gras immer gelber und spärlicher wurde, nachdem der Regen
ausblieb. Trockenzeit. Solange sie bei einem Revierinhaber verweilten,
verteidigte er sie, paarte sich mit den Weibchen, die empfängnisbereit
waren.
Wie viele Jungtiere vor ihm, erfuhr auch der kleine
Bulle, dass ihm seine Mutter nicht für immer gehören würde und, dass man
erwachsenen Gnus besser aus dem Weg ging. Unsicher stand er abseits,
als das große Wildrind die Kuh besprang. Blökte leise, voller Sehnsucht
und Einsamkeit.
Nur wenige Tage später, setzten sich die
verschiedenen Herden in Bewegung. Immer mehr Tiere reihten sich für die
lange Wanderung in den Norden ein. Jede Gruppe blieb für sich. Auch die
des Muttertieres. Auf Beobachter wirkten sie wie eine einzige große
graue Masse. Der Staub, den sie aufwirbelten, war schon von weitem zu
sehen. Irgendwo, in der weit entfernten Masai Mara, gab es Regenschauer
und Futter, nicht so nahrhaft wie hier, doch besser als zu verhungern.
Gelegentlich
blieben erschöpfte alte und kranke Gnus zurück, als zu beschwerlich
erwies sich der wochenlange Marsch, der Gras- und Wassermangel. Leichte
Beute für die lauernden Jäger. Ihr Sterben war der Wegezoll für die
Übrigen. Die Kolonne geriet in Stocken, als ihnen der Mara River,
angeschwollen durch den niedergegangenen Regen, den Weg versperrte.
Die
Kuh blähte die Nüstern, der innere Drang trieb sie weiter. Eine
verschüttete Erinnerung warnte sie vor dem reißenden, schmutzig-braunen
Wasser. Gefahr drohte. Das Junge spürte die Nervosität seiner Mutter,
drückte sich dicht an ihre bebenden Flanken. Einige Gnus muhten
ängstlich, drehten sich unsicher um. Der Ansturm von hinten setzte sich
unaufhörlich fort, drängte die zögernden Tiere weiter.
Die
Ersten sprangen in die Flut, Wasser spritzte auf, als ihre Körper
eintauchten. Die Strömung riss an ihren Beinen. Wer jetzt den Halt
verlor, fand den Tod. Sie spürten es, kämpften verbissen. Der Fluss
kannte keine Gnade für die Schwachen. Andere erreichten das rettende
Ufer. Steil ragte es in die Höhe, zwang die Wildrinder, noch länger im
Wasser zu verbringen, bis sie einen Aufgang fanden.
Der
Herdeninstinkt siegte, weitere Tiere schlossen sich der Kuh und ihrem
Kalb an. Die Angst ließ sie vorwärts schreiten, bemüht, den Kopf über
der Flussoberfläche zu halten, ihr Junges von der Wucht des Mara Rivers
gegen ihren Leib gepresst. Das Wasser neben ihr brodelte. Ein
geschuppter Kopf tauchte auf, mörderische Zähne blitzten. Ein Gnu in
ihrer Nähe wurde von der riesigen Panzerechse mitgerissen, verschwand
spurlos in der schmutzigen Brühe. Nur das aufwallende Blut kündete von
der Tragödie. In Panik stürmte das Muttertier weiter, der kleine Bulle
schaffte es, an ihren Fersen zu bleiben. Andere hatten weniger Glück.
Der Mara River forderte seine Opfer, wie alles im Leben.
Beide
erklommen das Ufer. In Sicherheit. Als wäre nichts geschehen, soff sie,
wartete auf den Rest ihrer eigenen Herde, die um einige Tiere
geschrumpft war. Langsam trottend, nahmen sie die Reise wieder auf,
während auf der anderen Seite noch Hunderttausende vor dem gefährlichen
Übergang standen.
Vor ihren Augen weitete sich die Grassavanne.
Frisches Grün erwartete die Kuh, ebenso wie die Raubtiere, die auch hier
auf die ewigen Wanderer lauerten. Unter gelegentlichem Grasen zog die
Herde weiter, erholte sich von den Strapazen. Die Jungen tollten umher,
unter den misstrauischen Blicken ihrer Mütter.
Der Bulle
streckte sein Maul nach ihr aus, doch sie drehte sich weg, verwehrte
ihm, was er suchte. Drängte ihn mit dem Kopf ab, als er es erneut
probierte. Wie so oft in den letzten Tagen. Er verstand es nicht, blökte
hungrig und kostete nur widerwillig von dem harten, ungewohnten
Grünzeug.
Tief in sich verspürte sie Unruhe aufkeimen. Aus großen
schwarzen Augen sah sie die ersten Gnus nach Süden ziehen. Auch ihre
Herde schloss sich an. So war es immer. Sie folgten der Regenzeit, dem
Gras. Nur die einheimischen Gnugruppen blieben zurück.
Und
wieder lag der Mara River vor ihnen, lauerte der Tod in seinen Tiefen.
Erneut verloren viele ihr Leben, aber der größte Teil erreichte das
Ufer, kehrte in die Serengeti zurück. Die Kuh spürte, wie sich das Kalb
in ihr regte. Neue Mutterinstinkte erwachten.
Der Bulle war
mittlerweile zu einem kräftigen Tier herangewachsen, noch nicht
geschlechtsreif, aber alt genug, um seine Mutter zu verlassen, sich
einer Jungbullenherde anzuschließen. Sie zerriss die letzten Bande,
gewaltsam, jagte ihn endgültig fort. Nicht aus Grausamkeit, sondern aus
Notwendigkeit. Nach einigen zweifelnden Blicken zurück, trabte er fort,
andere Jungtiere folgten ihm. Nur die jungen Kühe blieben bei der Herde.
Der
Kreislauf des Lebens schloss sich für sie, als die Wehen einsetzten.
Sie wand sich in krampfartigen Zuckungen. Löwinnen fielen gnadenlos über
sie her, bevor sie wusste, wie ihr geschah. Nur kurz währte der
reißende Schmerz in ihrer Kehle, der letzte, instinktgesteuerte Gedanke
galt ihrem Kalb, das nun nie das Licht der Savanne erblicken würde.
Niemals die traumhaft schönen Sonnenuntergänge sehen könnte. Die endlose
Reise zwischen den beiden Futtergebieten in Tansania und Kenia endete für das Ungeborene, bevor sie richtig begann.