Nachtwald.
Allein
der Name jagte Sturmhöhes Bewohnern kalte Schauer über den Rücken. Die
Stadt thronte über dem verfluchten Gebiet. Ein beängstigend schmaler
Pfad führte die schroffe Felsklippe hinunter in die Tiefe. Gelegentlich
benutzten ihn Wagemutige, die sich selbst und der Welt beweisen wollten,
wie tapfer sie seien. Vielleicht waren es Verrückte oder Lebensmüde,
zurück kehrte jedenfalls keiner.
Von Sturmhöhe aus betrachtet wirkte der Wald dunkel durch die dicht an dicht stehenden Schwarzeichen. Alle Bewohner kannten die Geschichten, die über diesen grauenvollen Ort im Umlauf waren. Manchmal, wenn der Wind wehte, trug er unheimliche Geräusche heran. Jeder, der die spitzen Schreie und die flüsternden Stimmen hörte, erstarrte vor Angst.
Arinama wischte ihre schweißnasse Stirn trocken, bevor sie den Abstieg wagte. Seit Wochen suchten sie merkwürdige Träume und Stimmen heim, die eine nie gekannte Sehnsucht nach Zusammengehörigkeit und Familie in ihr weckten. Gefühle von denen sie dachte, sie niemals wieder spüren zu können, nachdem ihre Mutter sie als Dreijährige mitten im Winter ausgesetzt hatte. Ein Jäger fand sie damals. Total verängstigt. Verstört. Für ihn war sie eine billige Arbeitskraft. Wenn sie nicht spurte, prügelte er sie. Jetzt erreichten sie diese verlockenden Versprechungen geliebt zu werden. Dafür musste sie sich lediglich dem fremden Geist öffnen, der wollte, dass sie Sturmhöhe verließ, um jenen Pfad zu beschreiten, der die Klippe hinab führte. Selbst am Tag verspürte sie den Zwang aufzustehen, in den Nachtwald zu gehen. Heute hatte sie dem Drängen nicht mehr standhalten können. Sie wusste, es war Wahnsinn. Ihre Beine zitterten. Ab und zu polterten Steine den Abhang herunter, drohten Arinama mitzureißen. Ihr Verstand schrie vor Entsetzen über das was sie tat. Sie ignorierte ihn.
Arinama
erreichte die Talsohle, drehte langsam den Kopf, um sich zu
orientieren. Die Schemen der Bäume wirkten abweisend. `Flieh´, flüsterte
ihr Instinkt. Stattdessen trat sie näher. Die Schwarzeichen wichen ihr
aus, öffneten eine schmale Gasse, wo vorher eine undurchdringbare
Blätterwand gelauert hatte. Kaum passierte sie die Bäume, wucherte die
Lücke hinter Arinama zu. Nur selten gelangte ein Sonnenstrahl durch die
Wipfel. Grüne Wolken trieben zwischen den knorrigen Ästen, verbreiteten
ein eigentümliches Licht. Schrille Pfiffe, vereinzeltes Vogelzwitschern
und das heiseres Waldtigridengebrüll drang an ihre Ohren. Sie
erschauderte, wenn sie an die gefährlichen, gestreiften Rudeljäger
dachte, die es auf das Blut ihrer Beutetiere abgesehen hatte und sie
lebendigen Leibes leer saugten.
`Komm. Hier entlang´, flüsterte die Stimme, verdrängte ihre Besorgnis, trieb sie weiter voran.
Das
Unterholz wurde dichter, je tiefer sie in den Nachtwald vordrang.
Lianen hielten Äste umschlungen. Große trichterförmige rote Blüten
sprossen zwischen den Blättern hervor. Sie verströmten einen schweren,
süßen Duft. Blaugelbe Schwirrvögel umtanzten sie in waghalsigen
Flugmanövern. Die Blüten pulsierten, rötliche Funken bewegten sich die
Kronblätter entlang auf den Blütenkelch zu. Die Bewegungen der Vögel
wurden ungestümer, fast ekstatisch. Ein Feuerwerk an Lichtsignalen
erstrahlte und die Schwirrer stürzten berauscht darauf. Die Wenigsten
entkamen den zuschnappenden Deckeln dieser perfekten Fallen. Das
Kreischen der gefangenen Kreaturen ging in ein widerliches Schmatzen
über. Das Geschehen riss Arinama aus dem tranceähnlichen Zustand.
„Nein“,
hauchte sie. „Was habe ich getan?“ Kalter Schweiß lief ihr über den
Rücken. Ein Knacken erschreckte sie. Es war eine smaragdgrüne Echse, die
über den zugewucherten Pfad huschte. Bevor das katzengroße Reptil auf
der anderen Seite im Dickicht verschwinden konnte, durchbohrte eine
dreizehige Klaue den schuppigen Körper. Die Echse wand sich in wilden
Zuckungen. Blass vor Ekel beobachtete Arinama wie die zappelnde Echse
angehoben und gierig in das breite Maul des Angreifers gestopft wurde.
Er stand leicht gebeugt auf dürren Beinen. Vier Arme ragten aus dem
knorpeligen Leib. Geifer tropfte von seinen Zähnen.
Ein Blick aus
giftig grün glühenden Augen fixierte sie. Die Kreatur streckte die
mörderischen Klauen nach ihr aus, verharrte plötzlich, witterte in ihre
Richtung und rannte mit einem Knurren davon.
`Weiter!´ Der Befehl brannte in ihrem Verstand.
Blindlings
preschte sie voran, ignorierte die Dornenranken ebenso wie die
fremdartigen Würmer, die in diesem Teil des Waldes lebten.
Schlangengleiche Körper schossen aus Erdhöhlen, packten unvorsichtige
Tiere, zerrten sie in die Tiefe. Einige tasteten nach Arinamas Knöcheln,
zuckten jedoch zusammen, wenn sie in ihre Nähe gelangten und
verschwanden blitzartig in den Löchern.
Schließlich erreichte sie das Ziel. Ein riesiger Baum stand in der Mitte einer Lichtung. Nicht einmal Gras wuchs hier. Jede Form von Leben schien diesen Bereich meiden.
`Ja, ja. Komm.´ Der hypnotische Singsang in ihrem Kopf wurde lauter. Sie erreichte den Stamm, berührte seine rissige Rinde.
Fließende
Schatten sanken aus der Krone herab. Flügel entfalteten sich.
Hornartige Auswüchse verunstalteten Kopf und Gliedmaßen der Wesen. Die
schlanken Finger endeten in Krallen.
Bei
dem Anblick erwachten in Arinama längst vergessene Erinnerungen - an
ihre Mutter und wie sie als Kind von ihr mit einem irren Kichern an den
Rand des Nachtwaldes gebracht wurde. Der Bilderflut aus der
Vergangenheit konnte sie sich nicht entziehen.
Erbarmungslos hatte
Latiwa die schmächtige Tochter mit sich gezerrt. Arinama konnte kaum mit
ihr Schritt halten. Das Lachen ihrer Mutter hallte hohl durch die
Nacht.
„Ich nehme euer Angebot an, Traumfänger. Ich gebe euch, was
ihr wollt.“ Mit diesen Worten schubste sie das Mädchen auf den
schneebedeckten Boden. Arinama schrie, als sie die Geflügelten aus dem
Wald treten sah. Ihr Gang wirkte insektenartig. Die auf dem Rücken
angelegten Schwingen behinderten sie.
„Gerrrrrrade rrrrrrrrechtzeitig“, zischte eines der Ungeheuer.
„Mein Fleisch und Blut für ewiges Leben.“ Latiwas Augen glänzten.
„Einverrrrrssstanden.
Der Brüterrrrrr fürrrrr unssss. Die Ewigkeit fürrrr dich.“ Ein
scharfkantiger Flügel traf Latiwas Hals, köpfte sie. Der Körper blieb
einen Moment stehen, bevor er in sich zusammensackte. „Unssserrrr Teil
issst errrrfüllt. Nurrrr derrrr Tod währrrt ewig.“
Krallen streckten
sich nach dem schluchzenden Kind aus, zogen sie näher an den
Traumfänger heran. Aus dem Maul des Wesens wuchs ein schmaler Rüssel,
dessen schleimige Spitze nach ihrem Mund tastete, in ihn eindrang. Sie
schlug um sich, aber der eiserne Griff gab nicht nach. Bevor Arinama das
Bewusstsein verlor, hatte sie etwas durch den Rüssel gleiten sehen.
Die Stimme eines Traumfängers riss sie aus dem Entsetzen ihrer Vergangenheit.
„Derrrr Brrrüter wirrrrd nicht mehrrr benötigt.“
Ein Brennen breitete sich in ihrer Magengrube aus. Arinamas Hände zuckten zum schmerzgepeinigten Unterleib. Sie fühlte, wie er sich plötzlich wölbte. Entsetzt starrte sie darauf. Blut spritzte heraus, als eine scharfe Kralle Arinama von innen aufschlitzte. Das letzte, was sie sah, war der Traumfänger, der all die Jahre in ihr herangewachsen war, bedeckt mit blutigen Gewebefetzen, die er nun abzulecken begann.