Shandra
blickte sich nach Verfolgern um. Gestern hatte sie Krishna am Bahnhof
gesehen. Er sprach ein paar Kinder an und sie wusste sofort, er suchte
nach ihr. Sie bedeutete schließlich viel Geld für ihn und hatte ihn mit
ihrer Flucht lächerlich gemacht. Eines der Mädchen antwortete ihm und
Krishna, der Narbengesichtige, drückte ihr etwas in die schmutzigen
Hände. Auf seinem Gesicht hatte ein grausames Lächeln gelegen.
Hier würde Shandra nicht mehr betteln können.
Sie
schlich weiter durch die Nacht, hielt inne, als sie Stimmen hörte und
lugte um die Ecke. Zwei Frauen stritten sich heftig, wer von ihnen das
Recht hätte, an dieser Kreuzung zu stehen. Knappe Röcke saßen über ihren
Hintern. Als sich ein Wagen näherte, langsamer wurde und schließlich
hielt, endete der Streit. Sie präsentierten ihre Reize und der Fahrer
winkte beide heran. Die Tür des Fahrzeugs öffnete sich und eine von
ihnen stieg ein. Schadenfroh musterte sie ihre Konkurrentin, bevor ihr
Freier losfuhr.
Shandra setzte ihren Weg fort.
Endlich
erreichte sie die Gasse, wo sie einen Schlupfwinkel gefunden hatte.
Unauffällig trat sie an eine Plankenwand, schob ein Brett zur Seite und
quetschte sich hindurch. Ihre Unterkunft war klein, aber besser als auf
der Straße oder im Park zu schlafen. Zu viele Straßenkinder trieben sich
dort herum, die sie verraten könnten oder mit Vorliebe ihre
Schicksalsgenossen ausraubten. Auch Shandra hatte schon Prügel bezogen.
Sie rollte sich zusammen. Ihr Magen knurrte, aber heute würde er leer
bleiben. Es war nichts Brauchbares in den Abfällen zu finden gewesen.
Nichts, was einen Verkauf an den Zwischenhändler wert gewesen wäre.
Traurig schloss sie die Augen, dachte an ihre Freundin Matari und an ihr
Zuhause. Manchmal wusste sie nicht einmal mehr wie ihre Mutter aussah.
Unweigerlich stiegen Tränen in ihr hoch. Sie zog ihre Beine noch weiter
an den Körper, legte die Arme darum und wiegte sich in einen unruhigen
Schlaf, aus dem sie immer wieder hoch schreckte, sobald sie ein Geräusch
zu hören glaubte.
Geschrei weckte sie. Vorsichtig spähte sie aus
ihrem Verschlag und erstarrte, als sie Polizisten sah, die einen Jungen
fest hielten. Shandra kannte Anser vom Sehen. Er war ein Müllsammler
wie sie. Auch wenn er ein Konkurrent im rauen Kampf ums Überleben war,
tat er ihr leid. Lachend schlug einer der Männer zu, Anser sackte in
sich zusammen und der andere trat ihm in die Rippen. Dann schleiften sie
ihn weg. Nur sein Beutel blieb zurück, lag verlockend da. Behutsam
schob sie das Brett zur Seite, huschte zu Ansers Sammeltasche, schnappte
sie und zog sich zurück. Neugierig untersuchte Shandra den Inhalt: eine
kleine geschnitzte Figur von Ganesha lag darin. Mit ihren Fingern zog
sie die Umrisse des dickbäuchigen, elefantenköpfigen Gott des Glücks und
der Weisheit nach. Die Figur würde ihr sicher einige Rupien einbringen,
obwohl sie die Schnitzerei lieber behalten hätte. Vorsichtig wickelte
sie Ganesha wieder in den Beutel und steckte ihn in ihre eigene Tasche.
Dann
verließ sie ihr Versteck. Nervös strich sie mit wachsamen Blicken die
Straßen entlang, auf der Suche nach etwas, das sich verkaufen ließe:
Metalle, Gefäße, die jemand vergessen oder weggeworfen hatte und
ähnliche Sachen. In den Touristengegenden war die Chance größer, aber
auch Konkurrenz und Polizei waren hier verstärkt unterwegs. Die
Straßenkinder passten nicht in das Bild, welches man in diesen
Stadtteilen Bombays gerne vorgaukelte. Shandra wagte sich nur selten
dorthin.
Ein
ovales Gefäß erregte ihre Aufmerksamkeit. Es stand neben einem
Arbeiter, der auf dem Boden hockte und offenbar frühstücken wollte. Ihr
lief das Wasser im Mund zusammen beim Anblick des Fladenbrotes; gierig
sah sie zu, wie der Mann abbiss und kaute. Ein anderer rief nach ihm und
er legte das Brot in die Schüssel bevor er zu seinem Kollegen ging.
Gemeinsam trugen sie einen Balken in ein Haus. Ohne lange zu überlegen,
schnappte Shandra die Beute und brachte sich in Sicherheit. In einer
Ecke hockend verschlang sie das Brot. Die Schale schob sie in ihren
Beutel. Bald gesellte sich ein Stück Kupferdraht hinzu, ein altes
Stahlrohr und ein paar Rupien, die sie gestohlen hatte.
Ein
guter Tag für sie. Ganesha hatte ihr Glück gebracht. Unsicher ging sie
in Richtung Bahnhof. Der Händler hielt sich nur zu bestimmten Zeiten an
diesem Ort auf. Wenn sie ihre Ware loswerden wollte, blieb ihr keine
Wahl und sie musste ja nicht direkt in den Bahnhof. Ängstlich sah sie
sich um, als sie über die Schienen schlich und den Treffpunkt
ansteuerte. Alles schien normal. Baba stand da, sah ihr erwartungsvoll
entgegen.
„Na, was hast du für mich?“, wollte er wissen.
Zaghaft
holte sie ihre Schätze heraus. Seine grollende Art schüchterte sie immer
ein. Er betrachtete die Sachen, machte auf jeden Kratzer und Fehler
aufmerksam, bezeichnete alles als Tand. Dann bot er ihr 20 Rupien, eine
Ausnahme, wie er betonte, so einen Müll bräuchte er nicht wirklich. Sie
widersprach nicht. Baba hatte ständig etwas auszusetzen.
„Verschwinde!“, knurrte er.
Shandra
ließ sich das nicht zweimal sagen, hörte aber noch, wie er ihr
hinterher rief: „Und bring mir das nächste Mal etwas Besseres mit!“ Mit
gesenktem Kopf beschleunigte sie ihre Schritte.
„Sieh an, sieh
an. Wen haben wir denn da?“, fragte eine vertraute Stimme hinter ihr.
Shandras Kopf schnellte hoch und sie starrte in Mister Schmierigs
Gesicht. Der Freund ihres früheren Besitzers grinste sie anzüglich an.
Sie fuhr herum, wollte lospreschen und lief direkt in Krishnas Bauch.
Grob griff er nach ihrem Hals und schlug brutal zu, dann noch ein Mal.
Blut schoss dem Mädchen aus der Nase, lief ihr Kinn herab und tröpfelte
auf ihre Kleidung, vermischte sich mit Tränen. Es genügte ihm nicht.
Seine Hand wühlte sich in ihre Haare, drückte ihr Gesicht in den
staubigen Boden, bis sie hustete. Einen Moment gönnte er Shandra eine
Atempause und wiederholte die Aktion Weitere Schläge folgten, prasselten
auf den zarten Körper ein.
„Beschädige sie nicht. Ich hab noch was mit der Kleinen vor“, nörgelte Krishnas Begleiter.
Der
Angesprochene knurrte, hob drohend die Hand, als wollte er weiter auf
Shandra einprügeln, besann sich dann aber und schleifte sie an den
Haaren hinter sich her. Ein paar Kinder schauten zu, wagten nicht, sich
einzumischen, auch nicht, als er das Mädchen in den Kofferraum des
Wagens warf.
Als sie wieder zu sich kam, blinzelte sie irritiert
in das trübe Zwielicht und es dauerte einen Moment, bis sie begriff wo
sie war. Zwei Jahre ihres Lebens hatte sie hier verbracht, Teppiche
geknüpft, die nach Krishnas Aussagen nie gut genug waren, um die
Schulden ihrer Eltern abzuarbeiten. Verängstigte, zum Teil mitleidige
Blicke trafen sie, bevor sich die müden Augen der anderen Kinder wieder
auf ihre Arbeiten richteten. Shandras Hände waren mit einer Kette an
einen Pfosten gebunden und schmerzhaft in die Höhe gezogen. Sie konnte
Krishnas und Mister Schmierigs Stimmen aus dem kleinen Büro hören. Sie
hörte sie bedrohlich lachen, ehe sie in die Ohnmacht zurücksank.
Kaltes
Wasser schreckte sie auf, nur um in Krishnas Gesicht zu schauen, der,
kaum dass er ihre Aufmerksamkeit hatte, ein Messer aus seiner Hose zog
und mit der scharfen Klinge die Haut ihres Halses ritzte. Die blutige
Messerspitze leckte er genüsslich ab. Anschließend bewegte er die Klinge
langsam vor ihren Augen hin und her, genoss die Furcht, die in ihren
gehetzten Blicken aufglomm und das Zittern ihres Körpers. Dann näherte
sich die Spitze seines Messers ihrem Auge, kam immer näher und plötzlich
krachte seine Faust in ihr Gesicht.
Als sie das nächste Mal
aufwachte, schwankte der Boden unter ihr. Es war dunkel. Ihr Hals fühlte
sich trocken an, die Zunge war pelzig und ein dumpfer Druck pulsierte
hinter ihren Schläfen, zog sich bis in die Wangen herab. Sie glaubte ein
Flüstern zu hören. Vielleicht war es ja die Schwarze Göttin Kali, die
auf Shandras Tod wartete, um ihren Geist zu befreien. Schatten schienen
sie zu umtanzen, ihre Klauen nach ihr auszustrecken. Vor Entsetzen
entging ihr, wie das Schaukeln aufhörte. Unerwartet stach grelles Licht
in ihre Augen und sie wurde grob aus dem Wagen gehoben. Mister Schmierig
fluchte ungeduldig und ein seltsamer Unterton lag in seiner Stimme. Er
kicherte hohl, strich ihr mit zittrigen Händen über den Körper,
begrapschte sie und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Ein Versprechen auf den
großen Spaß, der sie beide erwarten würde. Ekel und Angst erfüllten sie
gleichermaßen, wurde gesteigert durch das, was sie sehen konnte,
während sie auf der Schulter des einen Mannes getragen, mehrere Räume
des Hauses durchquerten.
Männer liefen oder saßen herum, nackte
Mädchen und manchmal auch Jungen in den Armen haltend. Einige
verschwanden mit ihren widerstrebenden Opfern hinter Türen, aus denen
Stöhnen drang. Schreie. Erneut wurde ihr schwarz vor Augen.
Shandra
erwachte auf einem Bündel Stroh, ihre Hände waren mit Lederriemen
gebunden. Sie schob sich an der Wand hoch. Sah andere Kinder schlafend
auf dem Boden liegend, durch Gitter voneinander getrennt. Einige waren
wach, mit trüben Augen, aus denen jede Hoffnung geschwunden war. Keins
von ihnen trug Kleidung. Auch Shandras Sachen waren verschwunden. Sie
fühlte sich beschämt und schmutzig. Nach wie vor hörte sie Schreie und
wagte nicht sich vorzustellen, welches Grauen sie hier erwartete. Das
Quietschen einer Tür weckte die Schlafenden, veranlasste die Kinder,
sich so weit wie möglich an die Wand zurückzuziehen. Schwere Schritte
kamen den Gang entlang. Leises Schluchzen erklang aus einigen der
Zellen. Ein grinsender Mann schob sich vor die Eisenstäbe, hinter denen
Shandra kauerte und ein Schlüssel stocherte im Schloss herum. Dann trat
er ein und stierte sie an. Sie schloss die Augen, wollte nicht hinsehen.